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Auswahl wissenschaftlicher Beiträge zum ‚Kontextuellen Bauen’

Prof. Dr. TOMÁŠ VALENA

„Die Erinnerung ist die Mutter der Poesie“

Kunsthistoriker / Philosoph / Architekt f. Städtebau (-> über den Autor)

 

„Die Göttin Mnemosyne (Tochter des Himmels und der Erde) zeugte, im Glauben der antiken Griechen, mit Zeus die Musen. Und so ist die Kunst die Erzeugung des Neuen aus der Erinnerung und die kontextuelle Architektur die angemessene Antwort auf den physischen Raum.“ Valena

 

„T y p u s und T o p o s“

Quelle: „Beziehungen - Über den Ortsbezug in der Architektur“ – Kapitel 2  (V. OB 1991, S 8)

 

T y p u s

 

Die Analogie mit der Sprache ist gut geeignet, jenes zu umschreiben, was ich bildhaft und zusammenfassend mit "Typus" bezeichne.3 Nicht zu Unrecht ist hier oft von einer Architektursprache die Rede. Diese ist ein Konvolut von Konventionen, die im Verlauf eines Optimierungsprozesses solche Allgemeingültigkeit erreicht haben, daß sie verständlich, vermittelbar und wieder verwendbar geworden sind.

Obwohl durch seine eigene Gesetzmäßigkeit und universelle Verbreitung autonom, ist der Typus genauso wie die Sprache selbst Entwicklungen und Veränderungen unterworfen. Funktionale und konstruktive Zwänge können ihn genauso beeinflussen wie veränderte gesel1schaftlichBedürfnisse.

 

In diesem dialektischen Entwicklungsprozeß tendiert der Typus zum Optimalen, Idealen, zum Allgemeingültigen. Er bezeichnet diejenige Seite der Architektur, die Ordnung ermöglicht und Strukturen entstehen lässt. Der Typus (in dieser allgemeinen Bedeutung des Wortes) eignet sich zur Reproduktion, ist grundsätzlich immer verfügbar (wie die Idee ist er mobil und frei übertragbar) und deswegen in den verschiedensten Situationen anwendbar. Mit diesen  Eigenschaften des Allgemeinen ist Der Typus auch jenes Prinzip in der Architektur, das die tragende Stadtraumstruktur (Textur) erzeugt und damit den Hintergrund für individuelle Figuren schafft.

 

T o p o s

 

„Topos“ (Locus) ist das zweite immanente Grundelement der Architektur, zumindest solange diese erdgebunden bleibt, d.h. einem konkreten Ort einverleibt und mit diesem in eine konkrete Beziehung verwickelt ist.

 

Dabei ist zumindest auf der Ebene der Stadt, das quantitative Verhältnis beider Elemente von Bedeutung: Das Einmalige bedarf des neutralen Umfeldes, einer bestimmten Größe, um wirken zu können. Eine Stadt aus lauter Monumenten und Besonderheiten wäre ein Panoptikum, als Lebensraum genauso wenig geeignet wie Disneyland. Andererseits wären Stadtteile, die ausschließlich von einem Typus geprägt sind, ab einer bestimmten Größenordnung ohne die Brüche und Diskontinuitäten des Lokalen ihrer

Monotonie wegen unerträglich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Symposium am 22. und 23.11.2014

 

„Von allen anderen kulturellen Artefakten unterscheidet sich die Architektur durch eine Eigenschaft, die nur ihr immanent ist: Sie ist lokal, einem Ort zugehörig. Sie antwortet auf das Vorgefundene oder schafft, indem sie spezifisch dort (re)agiert, einen Ort, mit dem sie unlösbar verbunden ist. Wir reden nicht vom Regionalen, vom historisch Überlieferten, vom Traditionellen, von Stilen und Architektursprachen. Es geht um die Beziehungen zum konkreten Ort, aus dem heraus die Architektur einen Teil ihrer Eigenschaften bezieht. Diese Ortsbindung ist auch und gerade in Zeiten der Hypermobilität kennzeichnend für Werke der Architektur.

Ort und Ortsbezug, die Rolle des physischen Kontextes in der Architektur, wurden im Zusammenhang mit der Kritik an den Ergebnissen der architektonischen und städtebaulichen Moderne seit den 1960er Jahren intensiver reflektiert. Zu einer systematischen architekturgeschichtlichen Erfassung und theoretischen Aufarbeitung des Topos und des Ortsbezugs ist es aber nicht gekommen, obwohl sein Gegenpart, der Typus, in den 1970er und 80er Jahren wissenschaftlich umfassend erörtert wurde. Mit der fortschreitenden Globalisierung der Lebenswelten in den letzten Jahrzehnten, der damit verbundenen erneuten Hinwendung zu den räumlich-lokalen Aspekten der menschlichen Existenz und nach dem spatial turn in den Geisteswissenschaften steht eine grundlegende Behandlung des Ortsbezugs in der Architektur an“

Quelle: http://www.muenchenarchitektur.com/events/22319-ort-und-ortsbezug-in-der-architektur

 

 

Ich verwende hier absichtlich das in diesem Zusammenhang etwas ungebräuchlıche  griechische Wort "Topos" als Sammelbegriff für alle lokalen, auf die Architektur am  konkreten Ort wirkenden Kräfte. Gebräuchlich sind hier neben dem „Ort“ Begriffe wie physischer Kontext und Genius loci. Im Verhältnis zum Ort meint der physische Kontext die ganze im jeweiligen Fall relevant Umwelt, beschränkt sich also nicht auf die eigentlichen Orte; Genius loci ist hingegen ortsspezífisch. Sein Persönlíchkeitscharakter drückt das aktiv wirkende eines Ortes aus.

 

Anders als der Typus ist der Topos relativ resistent gegenüber gesellschaftspolitischen und ideologischen Einflüssen. Begriffe wie „Genius Loci“ "Stabilitas Loci" drücken anschaulich das statische Wesen des Ortes und die Trägheit des physischen Kontexts aus. Den Kontext als

physische und bedeutungsträchtige "Immobilie" kann wiederum nur ein konkreter physischer Eingriff oder ein neues Ereignis am Ort ergänzen und weiterentwickeln.

 

Wenn Typus das Allgemeine bedeutet, dann bedeutet Topos das Individuelle, das Besondere und Einmalige. wenn der Typus verständliche Strukturen und eine Idealordnung erzeugt, dann stört und verändert sich der Kontext. Die kontextuellen Besonderheiten sind gültig und relevant nur am jeweiligen Ort. Tendiera der Typus zum Idealen, so konfrontiert uns der Topos mit der Realität.

 

Typus und Topos in der Architektur stehen aber nicht nur im ständigen Widerstreit, sondern treten auch in eine sich gegenseitig befruchtende Wechselbeziehung. So kann eine vorbildliche Reaktion auf eine lokale Situation durch Optimierung und wiederholte Anwendung typisiert und als verfügbarer Typus auf andere Orte übertragen werden. Umgekehrt kann die Häufung eines Bautyps am Ort zur Stärkung des lokalen Charakters beitragen. wird derselbe Typ an anderen Orten ähnlich intensiv verwendet, entwertet er freilich die Einmaligkeit des Originalortes. So bleibt der Typus, selbst wenn er den lokalen Charakter des Ortes mitprägt, letztlich immer der universelle Bestandteil des Topos. Dies

ist auch dann der Fall, wenn seine "Universalítät" regional beschränkt bleibt.

 

Offensichtlich geht es in der Beziehung dieser beiden wesentlichen Grundelemente der Architektur, Typus und Topos, um ein dialektisches Verhältnis: was dem einen fehlt, darüber verfügt das andere.