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Auswahl wissenschaftlicher Beiträge zum ‚Kontextuellen Bauen’ - Zitate

Prof. Dr. Claus Grimm

Kunsthistoriker / Kulturwissenschaftler, Dir.i.R. des Hauses der Bayerischen Geschichte

"Die Casa Don Bosco als Beispiel kontextuellen Bauens - Kunsthistorische Einordnung"

 

Bauen im Kontext heute

 

Ich bin beeindruckt von der schlichten Würde des vortretenden Frontgebäudes wie auch von der Vorgehensweise allseitiger – im Wortsinne - umsichtiger Abstimmung des Erscheinungsbildes auf die vorhandenen Gestaltungsformen im Umkreis. Für die baulich weitgehend geschlossene Sieboldstrasse wie für den Blick in die Tiefe der Auerfeldstrasse wird ein Kopfstück mit der Ansage traditioneller Bauformen gebildet. Umgekehrt wird auch für die Sicht aus dem gegenüberliegenden Park ein harmonischer Abschluss des umbauten Raums hergestellt. Ausdruckselemente, die aus der langen Tradition repräsentativen städtischen Bauens genommen sind, weisen auf das besondere Ensemble hin, das mit dem Kirchenbau der 1950er Jahre und dem harmonisch gegliederten Zwischenbau zu dem hervorgehobenen Gebäude des „Casa Don Bosco“ gebildet wird.

 

Den Architekten gelingt dabei eine dezente Verwendung von Anspruchsformen für einen Neubau, der dennoch keine Kopie ist. Erinnernde Anklänge an die Fassaden des früher hier stehenden Gebäudes sind mit Formen und Materialien unserer Zeit verbunden, nicht als Kontrast sondern als Weiterentwicklung.

 

Die Findung einer architektonischen Bedeutungssprache ist schwierig; hier ist sie insofern wohltuend ausgefallen, als die Bedeutung nicht im aufschreckenden Soloauftritt eines Bauklotzes, sondern in der Anmutung der erhaltenen Bauumgebung und dadurch gemildert ausgedrückt ist.

Die Modernität und Menschenfreundlichkeit der Gestaltung liegt in dieser Einbindung in den Kontext.

 

München, 2016

 

(-> Text mit Bildern)

 

 

 

Grundlagenarbeit zum ‚Kontextuellen Bauen’ - Prof. Dr. TOMÁŠ VALENA

Dr. Al-Sabouni: Syriens Architektur hat das Land kaputt gemacht

 

Interview von Nadja Schlüter mit der syrischen Architektin Marwa al-Sabouni zu ihrer Disseratation „The Battle for Home“ in SZjetzt vom 28.09.2016

 

"Du kannst dir unsere gebaute Umgebung als Bühne für das Geschehen vorstellen“, sagt Marwa. „Die Architektur kann eine Gemeinschaft zusammenbringen – aber sie kann sie auch auseinanderreißen.“ Syrien sei immer ein Land gewesen, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen harmonisch zusammengelebt haben: ob arm oder reich, orthodoxer Christ, Alawit oder Sunnit, jeder gehörte dazu. An den Resten traditioneller Architektur könne man das noch erkennen: In den alten, natürlich gewachsenen Zentren von Homs und Damaskus zum Beispiel, in denen jeder seinen Platz fand.

 

Aber im Laufe des letzten Jahrhunderts habe sich das geändert. Zunächst nach dem ersten Weltkrieg, als die Franzosen das Mandat über Syrien innehatten und anfingen, das Land nach ihren Vorstellungen zu modernisieren. Später dann sei auch die Städteplanung der eigenen Regierung jahrelang verfehlt gewesen: durchsetzt von Korruption und ebenfalls mit einem „Modernisierungsgedanken“, wurden die bestehende Bausubstanz und alles Traditionelle einfach ignoriert...

 

Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Syriens drifteten dadurch immer weiter auseinander. „Es gab viel zu viele Viertel, die um die Stadtzentren herum verteilt und voneinander abgeschnitten waren. Die extra angelegt waren für Alawiten, für Christen, für Geringverdiener, für die Oberklasse. Diese Anordnung war zum Scheitern verurteilt“, sagt Marwa. Denn in einer funktionierenden Stadt gibt es eine Art Gemeinschaftsvertrag zwischen den Menschen, der besagt: Ihr müsst einander begegnen und miteinander verhandeln. In segregierten Städten gibt es diesen Vertrag nicht.

 

 Ein weiteres Problem sei, so Marwa, die „verlorene Identität“: Die moderne Architektur syrischer Städte sei gesichtslos. Zementblöcke ohne Charakter, gebaut ohne Kenntnis von der traditionellen und islamischen Architektur des Landes. Oder provisorisch und aus der Not heraus geboren, wie in den informellen Siedlungen. „Diese Orte bieten den Menschen keine Chance, sich damit zu identifizieren und das Gefühl zu haben, dorthin zu gehören“, sagt Marwa.

 

Die Konsequenzen daraus, glaubt Marwa, haben den Konflikt, der 2011 mit dem Arabischen Frühling begonnen hat, zwar nicht allein erschaffen – aber sie haben ihn befeuert: Durch die Segregation der Bevölkerung gab es kein Gemeinschaftsgefühl mehr, auf dem man aufbauen und eine Lösung für die bestehenden und sich verstärkenden Spannungen im Land finden konnte. Sondern es gab viele vereinzelte Gruppen, von der jede ihre eigene Position eingenommen und gegen die anderen Gruppen verteidigt hat."